Ein Röntgenbild zeigt nicht immer die ganze Wahrheit – warum der ganzheitliche Blick auf den Hund entscheidend ist.
Vielleicht kennst Du es? Dein Hund lahmt schon längere Zeit. Also geht es ab zum Tierarzt und oft folgt der nächste Schritt ganz selbstverständlich: Es wird geröntgt. Schließlich möchte jeder Hundehalter wissen, was seinem Vierbeiner fehlt.
Dann gibt es meist zwei mögliche Ergebnisse:
So unterschiedlich die beiden Ergebnisse auch sind – beide verleiten oft zu derselben Annahme: Wir glauben, dass das Röntgenbild die Ursache der Beschwerden zeigt. Doch tatsächlich zeigt es nur einen Teil der Wahrheit (vor allem wenn bei einem unauffälligen Bild die Beschwerden weiterhin bestehen).
Ein Röntgenbild ist ein wertvolles diagnostisches Hilfsmittel. Es zeigt vor allem Knochen und knöcherne Veränderungen. Frakturen, Fehlstellungen, Gelenkveränderungen oder Arthrose lassen sich gut erkennen.
Weichteilstrukturen wie Muskeln, Sehnen, Bänder oder Faszien sind dagegen auf einem normalen Röntgenbild nicht sichtbar. Deshalb kann ein Hund trotz unauffälligem Röntgenbild deutliche Beschwerden haben.
Was ein Röntgenbild jedoch nicht zeigt, ist mindestens genauso wichtig:
Genau diese Faktoren entscheiden häufig darüber, warum Schmerzen entstehen.
Ich sehe in meiner Praxis immer wieder Hunde, deren Röntgenbilder erstmal unauffällig sind – die aber dennoch deutliche Beschwerden zeigen.
Ein Beispiel:
Ein Hund läuft seit einigen Wochen immer wieder leicht lahm und ziemlich unrund in der rechten Hinterhand. Das Röntgenbild der Hüfte eher unauffällig. Für viele Besitzer klingt das zunächst beruhigend.
Bei der physiotherapeutischen Untersuchung zeigt sich jedoch folgendes:
Die stabilisierende Muskulatur der rechten Hinterhand arbeitet nur eingeschränkt. Dadurch übernimmt die Gegenseite dauerhaft mehr Belastung. Zusätzlich bzw. aufgrund dessen bestehen deutliche Verspannungen und Blockaden im unteren Rücken (Lendenwirbelsäule) sowie Bewegungseinschränkungen im Hüftgelenk selbst.
Der Knochen ist gesund.Die Funktion des Bewegungsapparates ist es nicht.
Ohne eine genaue Untersuchung wären diese Zusammenhänge gar nicht sichtbar geworden.
Natürlich kann Arthrose Schmerzen verursachen. Daran besteht kein Zweifel.
Die entscheidende Frage lautet jedoch:Warum ist die Arthrose überhaupt entstanden?
Gelenke verändern sich nicht ohne Grund. Über viele Monate oder sogar Jahre wirken immer wieder dieselben Kräfte auf dieselben Strukturen.
Vielleicht entlastet der Hund seit langer Zeit ein Bein. Kaum sichtbar für den Besitzer.Vielleicht arbeitet die Muskulatur nicht mehr ausreichend.Vielleicht ist die Wirbelsäule zu instabil aufgrund schwacher Rückenmuskulatur.
Dann muss irgendwann ein Gelenk die zusätzliche Belastung auffangen.
Mit der Zeit entstehen Umbauprozesse – und schließlich wird auf dem Röntgenbild Arthrose oder auch Spondylose (in der Wirbelsäule) sichtbar.
Das bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass genau dieses Gelenk die eigentliche Ursache der Beschwerden war.Es kann genauso gut die Folge einer schon lange bestehenden Fehlbelastung sein. Ihr alle kennt diese eine Frage: Was war zuerst da – das Huhn oder das Ei? Auch bei Gelenkproblemen ist es nicht immer eindeutig: Entstand die Arthrose, weil das Gelenk krank war? Oder wurde das Gelenk über Jahre falsch belastet und die Arthrose ist daraus entstanden?
Das Röntgenbild zeigt uns im bildgebenden Verfahren zwar irgendwann die Veränderung – aber nicht immer die ganze Geschichte dahinter.
Ein Hund bewegt sich niemals nur mit einem einzelnen Gelenk. Jede Bewegung ist das Zusammenspiel von Knochen, Muskeln, Gelenken, Faszien, Sehnen und dem Nervensystem.
Fällt ein Bereich aus oder arbeitet nicht mehr optimal, kompensiert der Körper.
Das funktioniert oft erstaunlich lange. Doch jede Kompensation hat ihren Preis.
Deshalb reicht es nicht aus, nur die schmerzende Stelle zu betrachten oder zu behandeln. Damit hat man keinen nachhaltigen Erfolg in der Therapie.
In der Hundephysiotherapie betrachten wir niemals nur den Befund bzw. die Diagnose vom Tierarzt, sondern jedes Mal und immer den gesamten Hund.
Wir analysieren unter anderem:
Erst aus diesem Gesamtbild entsteht häufig ein Verständnis dafür, warum Beschwerden überhaupt entstanden sind.
Ein Röntgenbild ist ein wichtiger Baustein in der Diagnostik – aber eben nur ein Baustein.
Es zeigt Veränderungen am Skelett, nicht jedoch die Qualität der Bewegung. Es erklärt nicht, warum ein Hund ein Gelenk überlastet oder weshalb bestimmte Strukturen dauerhaft kompensieren müssen.
Deshalb sollte ein unauffälliges Röntgenbild NICHT bedeuten, dass ein Hund keine Schmerzen haben kann, noch sollte eine sichtbare Arthrose automatisch das Ende der Ursachenforschung sein.
Nur wenn wir verstehen, wie sich ein Hund bewegt und warum er bestimmte Strukturen überlastet, können wir die Beschwerden nachhaltig behandeln und nicht nur ihre sichtbaren Folgen bzw. die Symptome.
Hat dein Hund Beschwerden, eine Diagnose bekommen oder du bist unsicher, wie du einen Befund einordnen sollst?Gemeinsam schauen wir nicht nur auf das Bild, sondern auf den Hund dahinter.
Wenn du deinen Hund besser verstehen und ihn langfristig gesund und beweglich erhalten möchtest, bin ich gerne für dich da.
Deine Kerstin vonHundum-agilFachpraxis für Hundephysiotherapie und Osteopathie in Seßlach